,,Wo war die Scheiß Gouvernante”

Triptychon, Öl auf Leinwand
2x 150cm x 120cm
1× 120cm x 60cm

In eben diesem selben Studentenwohnheim wohnte oben im letzten Stock auch mein Gitarrenlehrer Harald Blumenthal. Er wohnte in einem der großen Wohnungen in einer achter WG ganz hinten. Er hatte genau so ein Zimmer wie man es sich bei einem Gitarrenlehrer vorstellt. Ein Bett und ein Schreibtisch und dann alle möglichen Gitarren an den Wänden und Verstärker auf dem Boden. Harald war mit einer kleinen Frau zusammen, die aussah wie ein Kind. Ich weiß nicht mehr wie sie hieß...nur das ihr Nachname Freudenberg war. Er hatte lange blonde Haare und einen Bart. Er sah genau so aus wie ein Gitarrist aussehen sollte in diesen Zeiten. Schlaghose und ein eher schlaksiger Typ. Ich mochte ihn gerne und er konnte mir auch gut Gitarre beibringen. Irgendwann kam dann meine Freundin O. ebenfalls zum Unterricht und ich merkte gleich, dass sie irgendwie mehr Aufmerksamkeit bekam. Sie war ein zierliches Kind, was schon damals automatisch dazu führte, dass ich mich als groß und grob war nahm. Wenn ich heute Bilder von mir sehe, bin ich allerdings keineswegs groß und grob nur eben nicht wirklich zierlich. Sie hatte langes dunkles Haar und große Augen, Grübchen und eine Stupsnase. Ich war also von Anfang an etwas neidisch auf sie.  Und nun stellte ich also fest, dass Harald sie irgendwie anders ansah als mich.  Wir waren so etwa 9 Jahre alt und aus irgendeinem Grund wurde eine Wochenende im Zelt mit uns beiden und Harald geplant. Warum das überhaupt zustande kam und wer da eigentlich die treibenden Kraft war, weiß ich nicht mehr. Wir fuhren also zu dritt auf einen Zeltplatz in der Nähe und ich freute mich riesig. Meine Stimmung kippte aber sofort, als ich feststellte, dass ich eigentlich gar nicht gemeint war. Schon gleich am Anfang der Fahrt fühlte ich mich wie das dritte Rad am Wagen. Und als wir dann das Zelt aufgebaut hatten, wurde klar, dass ich gar nicht dabei sein sollte. Ich wurde mehrmals aus dem Zelt raus geschickt damit die beiden alleine sein konnten und dann fing es auch noch an zu regnen und ich sollte mir draußen die Zeit um die Ohren schlagen. In meiner kindlichen Unschuld verstand ich gar nicht was da wirklich los war, nur dass ich unendlich eifersüchtig wurde und dann natürlich ins Zelt hinein platzte, um dann festzustellen, dass er sie küsste. Es schien mir das normalste der Welt, nur das ich unendlich sauer war, dass ich nicht das Mädchen war, welches geküsst worden war.  Wie konnte das sein? Wir waren 9 Jahre alt! Wie konnte es sein, dass  mir das so gar nicht seltsam oder schrecklich vorkam? Wie hatte er es fertig gebracht, dass wir Mädchen uns in einem Konkurrenzkampf befanden, anstatt gemeinsam gegen ihn vorzugehen?

Er hatte das extrem gut vorbereitet, indem er uns die ganze Zeit gegeneinander ausgespielt hatte. Wir blieben noch die ganze Nacht und ich hörte wie sie sich leise betasteten und tuschelten. Der einzige Grund warum ich später den Erwachsenen davon erzählte war, glaube ich, das ich vor Eifersucht verging. Die einzige Konsequenz, war, dass wir da nicht mehr hingingen und somit war der Gitarrenunterricht für mich vorbei. Die Polizei wurde natürlich nicht informiert. Das tat man in „unseren Kreisen“ nicht. Es wurde im allgemeinen nicht so wirklich darüber gesprochen. Mir wurde natürlich klar, dass das alles eigentlich nicht in Ordnung war. Später hörte ich noch, dass die Kindfrau sich von ihm getrennt haben soll.

Mit O. fuhren ich im Käfer meiner Mutter auch gemeinsam nach Berlin zur Gisela und Bernd. Bei Gisela und Bernd wurde immer gut gegessen und getrunken und wir sind auf Flohmärkte gegangen. Außerdem haben wir uns auch verkleidet. Davon gibt es noch Fotos. Ein Foto im besonderen existiert noch mit diesem seltsamen Gelbgrünstich der 70iger Jahre. Da stehe ich in Rockermontur mit Lederjacke, Pilotenbrille und eine unangezündete Zigarette aus dem Mundwinkel hängend und halte O. schützend meinen Arm um die Schulter. Sieht fast aus wie ein Lude mit seiner Braut. So fühlte ich mich dann später irgendwie auch, denn ich hatte ihr ja von meinem tollen Gitarrenlehrer vorgeschwärmt.

Mit O. war ich auch von Dagmar, meiner früheren WG- Mitbewohnerin eingeladen worden, dass Wochenende bei ihr in ihrer neuen Kommune zu verbringen. Da war sie schon ausgezogen und damals haben ja viele Leute nach alternativen Wohn- und Lebenskonzepten gesucht. Ich glaube, dass meine Mutter auch mit so einigen Sachen geliebäugelt hat, aber Dagmar war da jetzt also voll eingestiegen. Warum wir da alleine waren und ich mich an meine Mutter in dieser Situation nicht richtig erinnere ist mir ein Rätsel, denn da gingen wirklich sehr seltsame Dinge vor sich. Zumindest fanden O. und ich das. Die Erwachsenen taten allerdings so als wäre das alles ganz normal. Die Kommune befand sich in einem ehemaligen Warehouse, bei dem es einen riesigen Gemeinschaftsraum gab von dem dann einige Türen zu selbst eingebauten Räumen abgingen. Wenn man ankam, ging man so eine Halbtreppe hinauf und war dann sofort in diesem großen Gemeinschaftsraum. Ganz hinten links gab es eine Küche. Vor der Küche ebenfalls links, war oben eine große Hochebene eingebaut auf dem es ein riesiges Matratzenlager gab. Ich glaube dort in einer Ecke schliefen dann auch auch O. und ich.  Von der Hochebene hatte man einen guten Blick nach unten auf das Geschehen. Es sollte auch vielleicht erwähnt werden, dass wir dort oben nicht alleine schliefen. Jeden Abend gab es unten nach dem Essen ein großes Plenum. Klingt jetzt erst mal unverfänglich, hatte es aber in sich, denn es ging dabei nicht um Politik oder den Abwasch, sondern um Sexualität, Freie Liebe und alles was uns schon als Kind  zu bourgeoisen Schweinen gemacht haben sollte. Um die Menschen umzuerziehen und ihm die Freiheit wieder zu geben, wurden einzelne Leute in der Mitte von der ganzen Gruppe bedrängt und unter Matratzenhaufen begraben um ihnen eine Wiedergeburt zu ermöglichen. Dabei wurde geschrien und geschlagen und oft in totaler Panik geweint wie ein Kind. Das sollte wohl die Befreiung beschleunigen. Feste Beziehungen gab es keine und wenn sich dann mal zwei gefunden hatten, die sich etwas mehr mochten wurde ihnen unterstellt sich eben doch noch nicht wirklich von allen Konventionen gelöst zu haben. Ich erinner mich da ganz genau an eine Frau, die partout nicht mit einem ganz gewissen Mann die Nacht verbringen wollte. Sie war schön und er war ein schlaksiger, pockennarbiger Rothaariger der im echten Leben nie eine Chance bei ihr gehabt hätte. Sie wurde dann, basierend auf seiner Beharrlichkeit, von der Gruppe dazu genötigt mit ihm die Nacht zu verbringen und kurze Zeit später gab sie dem Gruppenzwang nach und verschwand mit ihm in eines der Zimmer. Auf der Hochebene fanden sich auch den ganzen Tag und auch Nachts immer mal wieder vögelnde Paare zusammen. Uns war das alles suspekt und wir versteckten uns schamvoll kichernd, oft erschrocken, aber auch seltsam fasziniert über diese Mensch gewordenen Karnickel. Zum Eklat kam es dann, als wir uns wieder einmal vollkommen unbeaufsichtigt, oder sollten ich sagen komplett ignoriert, immer wieder in die Küche geschlichen hatten um eine fast volle Kiste von Blutorangen zu essen. Wir hatten uns dabei gar nichts gedacht. Hier machten doch sowieso alle was sie wollten. Uns wurde dann später beim Plenum von Allen vorgeworfen, wie wir denn so unsolidarisch sein könnten uns einfach alles zu nehmen ohne dabei an Alle zu denken. Verrückte Welt dachte ich mir damals. Öffentliches Vögeln erlaubt, aber mit den aufgegessenen Blutorangen wurden wir zu asozialen Schmarotzern. Später fand ich heraus um was für eine Kommune es sich eigentlich handelte. Es war ein Ableger von den AAOs der Aktionsanalytische Organisation. Gegründet von einem österreichischen Alphamännchen, das sich einbildete, dass seine Bindungsunfähigkeit auch für Alle anderen Menschen ein gutes Lebenskonzept sei. Selbst Künstler und Egomane unter dem Herrn, der sehr schnell verstand das ihm als selbsternannter Guru viele Frauen zu Füßen lagen und er nie wieder arbeiten musste. Er bestimmte, dass alle Mitglieder sich die Haare rasierten, wahrscheinlich hatte er selbst eine echte Glatze, und alle Mitglieder liefen in blauen Latzhosen herum. Er bestimmte, dass die Familie der Ursprung allen Übels sei und trennte Männer und Frauen und Mütter von ihren Kindern. Später wurde ihm der Prozess gemacht, weil er es als sein Recht empfand auch den sehr  jungen weiblichen Nachwuchs, wie ein Adelsherr in alten Zeiten, als erster in die „Freie Liebe“ einzuführen. Im Nachhinein können O. und ich wohl von Glück reden, dass wir nur mit der Schande der gegessenen Blutorangen zahlten und nicht mit blutigen Höschen. O. sah ich dann irgendwann nie wirklich wieder. Unsere Freundschaft hatte sich einfach aufgelöst. Ich glaube, das wurde von den Erwachsenen so entschieden. Mir wäre es auch unangenehm gewesen, denn ich kam mir nach der Geschichte mit Harald dem Gitarrenlehrer wie eine Verräterin vor.